vox animata auf China-Tournee | 27.8.-10.9.2015

„Eine Person, die behauptet, etwas sei nicht möglich, sollte die Person nicht stören, die es gerade tut.“ So lautet ein chinesisches Sprichwort. Wir jedenfalls hatten zuerst nicht so recht geglaubt, dass es möglich sei, mit dem ganzen Chor nach China auf Konzertreise zu gehen. Der Vorstand und Chorleiter Robert Göstl kämpften in der Vorbereitung mit den Finanzen, der Bürokratie, der Visabeantragung (für 35 Leute aus ganz Deutschland…) und den sprachlichen und kulturellen Unterschieden dieser Unternehmung. Aber dann war es doch wirklich so weit: Nach einigen regionalen Probentagen und vielen, vielen E-Mails standen wir am Frankfurter Flughafen. Nach elf Stunden Flug landeten wir gegen halb acht Morgens (Ortszeit) in Shanghai (19 Mio Einwohner). Die Fahrt durch die Vororte gab uns einen ersten Eindruck, wie hier in China die Städte so aussehen. Riesige Baustellen, auf denen ein Wohnturm nach dem anderen hochgezogen wird, mehrspurige Stadtautobahnen, die sich zu einem großen Teil wie endlose Brücken auf Betonstelzen durch die Stadtviertel ziehen, viele Autos und noch mehr Rad- und Rollerfahrer, die sich wenig um eine Straßenordnung kümmern. Und leider durften wir auch gleich Erfahrung mit dem Smog machen, der die Großstädte Chinas fest im Griff hat.

china-routeNachdem wir unsere Zimmer bezogen hatten, ging es weiter zum ersten echt chinesischen Mittagessen – kein Vergleich zu deutschen Chinarestaurants! Wir bekamen extra nicht zu scharfes Essen, das aber trotzdem interessant und meist sehr lecker war. Viel gekochtes Gemüse und Fleisch, wesentlich weniger Reis als gedacht und oft kulinarische Überraschungen!

Danach begann unser China-Austausch so richtig: Wir trafen uns mit einem sehr disziplinierten TV-Kinderchor, der überraschend gut englisch sprach und gesanglich eine sehr gute Leistung brachte. Mit großen Augen und viel Applaus auf beiden Seiten war der erste Kontakt ein voller Erfolg. Vor allem das in ganz China bekannte „Mo li hua“, eine Hymne auf die duftende Yasminblüte, löste auf der ganzen Reise immer wieder Begeisterungsstürme und spontanes Mitsingen der Umstehenden aus!
Unsere Versuche, zwei chinesische Lieder möglichst korrekt auszusprechen, stellten uns vor eine große Herausforderung und sorgte auf beiden Seiten immer wieder für Lacher. Die chinesische Sprache ist, vor allem durch die sehr nasale, obertonreiche Aussprache und viele uns unbekannte Laute, eine echte Aufgabe!

Am nächsten Tag in Jiaxing (3,5 Mio Einwohner) war auch schon das erste Konzert angesetzt. Von zwei Bachmotetten über „Richte mich, Gott“ bis zu Whitacres „Lux Aurumque“ stand ein chorischer Streifzug durch die Epochen auf dem Programm, der bei den Konzertbesuchern gut ankam. Direkt danach ging es mit dem Bus weiter nach Hangzhou (8 Mio Einwohner). In Hangzhou, nach einem interessanten Tag in der Stadt, waren Probe und Konzert Nummer zwei angesagt. In der Pause durften wir einem chinesischen Kinderchor lauschen, der nach dem Konzert ganz begeistert viele, viele Fotos von und mit uns machen wollte. Generell waren wir Europäer meist eine große Attraktion. Da wir hauptsächlich Städte besuchten, in die nur selten ausländische Touristen kommen, waren vor allem die blonden Chormitglieder ein beliebtes Fotomotiv auf der Straße.

Mit dem Hochgeschwindigkeitszug ging’s dann für die nächsten Tage ins 650 km entfernte Fuzhou (6,5 Mio Einwohner). Reisfelder, Wälder, Hügel und verlassene Ortschaften säumten den Weg dorthin. Dort angekommen, durften wir die schöne Anlage des Xichan Tempels besuchen – das viele Grün und die Ruhe in den Buddha-Tempeln war eine angenehme Abwechslung zum regen Treiben auf den Straßen. Danach war Zeit für eine Stellprobe im „Fuzhou Grand Theatre“ für das Konzert am Abend, das mit langem Applaus belohnt wurde!

Leider erfuhren wir nach dem Konzert, dass der nächste Auftritt aufgrund der Feierlichkeiten für „70 Jahre Sieg über Japan“ abgesagt wurde. Der Aufenthalt in Zhaoqing (3,9 Mio Einwohner) wurde dadurch spontan recht entspannt und ließ uns Chormitgliedern die Gelegenheit, ein bisschen die Stadt zu erkunden. Ein nahegelegener See lud abends zum Verweilen ein und auch die vielen Läden mit abertausend Kleinigkeiten, Handyhüllen, Schuhen und Kleidung machten das abendliche Bummeln durch die Straßen zu einem Erlebnis! Auch hier waren wir ein sehr beliebtes Fotoobjekt, vor allem bei den jüngeren Chinesen. Außerdem verfolgten wir die bombastische Militärparade im Fernsehen, dessen Anblick für uns Deutsche doch sehr gewöhnungsbedürftig war.

Die Reise war insgesamt geprägt von frühem Aufstehen und langen Bus- und Bahnfahrten – doch die Abreise um 5:00 in der Früh war dann doch für alle eine Überwindung. Im Schnellzugbahnhof werden die Passagiere wie am Flughafen durchgecheckt und auch Dinge wie große Deos und Haarspraydosen waren diesmal im Koffer nicht erlaubt – was bei der zweiwöchigen Tour durchs Land Einigen zum Verhängnis wurde…

In Wuhan (4,2 Mio. Einwohner) durften wir in einer wirklich wunderschönen Konzerthalle singen. Die Akustik war sehr gut und das Ambiente mit goldenem Wandschmuck, großen Deckenlüstern und roten Samtsitzen mutete sehr edel und europäisch an. Auch von außen war das Gebäude architektonisch interessant, im Gegensatz zum Saal allerdings sehr modern gestaltet. Das Konzert war gut besucht und auch hier waren die Chinesen sehr von der europäischen Chormusik angetan!

Spät am Abend war noch die Probe für einen Flashmob in einem Kaufhaus angesagt, das einen runden Geburtstag feierte. Mit einem eigens arrangierten „Happy Birthday“, dem romantischen Lied „Schön-Rothraut“ und dem berühmten „Mo li hua“ auf den Lippen wurden wir am nächsten Tag dann in der Shopping Mall von einigen Kameras und unheimlich vielen Besuchern verfolgt, die ganz begeistert Selfies schossen und Videos mit ihren Smartphones machten. Noch lange standen wir umringt von lachenden Chinesen zwischen Parfum- und Taschenregalen und waren vom Andrang positiv überrascht!

So langsam neigte sich unsere Reise dem Ende zu, doch noch standen eine Begegnung mit einem Kinderchor und zwei mehrtägige Workshops in der Stadt Chengdu (10 Mio. Einwohner) an, die vor allem für Chorleiter von Kinderchören konzipiert waren. Die Kinder der Grundschule waren sehr aufmerksam und führten perfekt einstudierte Lieder mit Playback-Musik und Choreografie auf. Der nasale, durchdringende und hohe Gesang der Kinder war für unsere Ohren oft ungewohnt, aber auch interessant. Wir durften viele traditionelle chinesische Lieder hören und freuten uns über das große Interesse an der europäischen und vor allem deutschsprachigen Musik. Es war rührend wie die Kinder bis zum Ende begeistert dabei waren und ein gutes musikalisches Verständnis zeigten. Am Ende der Begegnung stand dann für alle der Höhepunkt an, denn die Lehrer wollten mit uns „Stille Nacht“ singen – Anfang September doch sehr ungewöhnlich… Um die sprachliche Barriere zu lösen, wurde kurzerhand auf den Text verzichtet und nur die Melodie gesungen, während die Altistinnen und Männerstimmen die Begleitung dazu sangen – sicher einer der bewegendsten Momente unserer Konzertreise!
Beschenkt mit edlen Lesezeichen mit Panda- und Maskenmotiven klang der Abend im Hotel aus.

In den Workshops mit über 100 Teilnehmern in der Musikhochschule durften wir als Studiochor wirken und demonstrieren wie Herr Göstl mit Chören probt und was bei europäischer Musik verschiedener Epochen die stilistischen Unterschiede ausmacht. Einsingübungen und die Definition des „richtigen“ Singens waren den Teilnehmern besonders wichtig. Alle Besucher waren sehr bemüht, nahmen große Teile des Workshops als Video auf und machten sich Notizen. Als wir uns unter die Teilnehmer mischten, um ihnen die ersten Zeilen des Volklieds “Es waren zwei Königskinder” von Max Reger auf deutsch beizubringen, wurde teilweise gebeten den Text in das Handy einzusprechen. Da fast keiner der anwesenden Chinesen Englisch sprach, waren zwei Dolmetscher der Musikhochschule redlich bemüht, sowohl die Erklärungen Herrn Göstls als auch die vielen Fragen der Besucher in die jeweilige Sprache zu übersetzen – eine Herausforderung!

Der letzte Tag im Land der Mitte führte uns bei Regenwetter noch in den Panda-Zoo, in dem wir ein paar ausgewachsene Exemplare, recht hungrige Halbstarke und sehr niedliche neugeborene Pandas bestaunen durften.

Der Rückflug nach Deutschland war dann noch durch nervenaufreibende Verspätungen, Umbuchungen und Fehlinformationen recht spannend! Dennoch landeten wir unversehrt, müde, aber voller neuer Eindrücke am Tag darauf in Frankfurt, wo sich unsere Wege in die verschiedensten Regionen Deutschlands trennten – allerdings sind die Distanzen im Gegensatz zu China eigentlich nicht der Rede wert, denn insgesamt legten wir (mit Flug) etwa 29.000 km Wegstrecke zurück!
Vielen Dank an Cher, die uns die gesamte Reise dolmetschend begleitete und immer für unsere Sorgen und Wünsche ein offenes Ohr hatte! Auch ein Dankeschön an Dahai, der wesentlich zur Organisation im Vorfeld und vor Ort beigetragen hat – es hat reibungslos funktioniert.
Die Reise war auf jeden Fall für jeden von uns ein spannendes Erlebnis!

*Bedeutet so viel wie: “Öffne schnell das Fenster” und war eine sehr einprägsame Stelle des chinesischen Volkslieds “半个月亮爬上来 – Der halbe Mond”


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