DAS GEHT INS OHR

1 LAURIDSEN – O magnum mysterium
2 POULENC  O magnum mysterium
3 DI VICTORIA  O magnum mysterium
4 HASSLER – Dixit Maria ad Angelum
5 REGER – Und unser lieben Frauen Traum
6-29 DISTLER – Die Weihnachtsgeschichte
30 PRAETORIUS – Es ist ein Ros entsprungen
31 REGER – Schlaf wohl, du Himmelsknabe du
32 WHITACRE – Lux aurumque

So groß und umwälzend das Geheimnis von Weihnachten ist, so zart und verletzlich ist es. Die umwälzende Kraft dieses Geheimnisses liegt gerade darin, dass da kein machtvoll strahlender Herrscher geboren wurde, keine Revolution mit Feuer und Schwert hervorgebrochen ist und kein lauter Aufschrei durch die Nacht von Bethlehem hallte. Die Kraft liegt in der Zartheit, im Neubeginn, in einer Szene von Liebe und Geschenk, von Geborgenheit und Beschenktwerden. Diesem großen Geheimnis will diese CD sich mit einem ungewöhnlichen Programm annähern.

So groß und umwälzend das Geheimnis von Weihnachten ist, so zart und verletzlich ist es. Die umwälzende Kraft dieses Geheimnisses liegt gerade darin, dass da kein machtvoll strahlender Herrscher geboren wurde, keine Revolution mit Feuer und Schwert hervorgebrochen ist und kein lauter Aufschrei durch die Nacht von Bethlehem hallte. Die Kraft liegt in der Zartheit, im Neubeginn, in einer Szene von Liebe und Geschenk, von Geborgenheit und Beschenktwerden. Diesem großen Geheimnis will diese CD sich mit einem ungewöhnlichen Programm annähern.

Keine der drei so grundverschiedenen Kompositionen mit dem Titel „O magnum mysterium“ legt den Hauptfokus auf das Wort „magnum“. Bei Morten Lauridsen scheint vor allem das immer wieder kurz innehaltende Staunen auf und laut wird es hier nur, wenn vom bewundernswerten „admirabile sacramentum“ die Rede ist – weit ausladend, Raum greifend und in aller klanglichen Opulenz doch immer nachdenklich. Geradezu düster und damit konträr zum eröffnenden Titel beginnt Francis Poulenc seine Musik über das große Geheimnis. Die Nachdenklichkeit teilen beide Kompositionen, auch das dreimalige Ansetzen des Grundthemas sowie die ebenfalls dreimalige Wiederholung des hier bedeutungsvollsten Wortes „iacentem“ bergen Ähnlichkeiten. Aber für Poulenc war es offenbar besonders betonenswert, dass der Retter der Welt „liegt“, als kleines Kind in einer Krippe liegt – geschützt nur von den geflüchteten Eltern, gewärmt nur vom Atem der Tiere im Stall. Er reitet nicht kraftstrotzend einher, tritt nicht herrisch auf, straft nicht und rächt schon gar nicht; welch Bild für Europa im Jahr 2018. Und bei Vittoria schließlich tritt die vordergründige Deutung in den Hintergrund, man muss Tonartwahl und Duktus erspüren, um das sich noch feiner entspinnende mysterium erahnen zu können. Fein gewoben kommt es daher, filigran, quasi „…aus einer Wurzel zart…“.

Wie mag es Maria zumute gewesen sein, als der Engel ihr verkündete, dass sie den Retter der Welt gebären sollte? Hassler widmet dem, was sie darauf antwortet, eine seiner schönsten Motetten, deren musikalisches Material auch Grundlage für eine gleichnamige Messe ist. Besonders hell leuchtet das „Ecce“ auf – siehe, ich bin die Magd des Herrn – und besonders deutlich unterstreicht die demütig fallende Geste der Singstimmen das „fiat mihi secundum verbum tuum“ – mir geschehe nach deinem Wort. Die Tugend der Demut wurde selten so gut in Worte gefasst wie in dieser Bibelstelle und es ist bezeichnend, dass sie der Komponist in ein so zartes, sanft leuchtendes und positiv strahlendes Gewand fasst. Denn Demut bedeutet Größe und muss nicht in Sack und Asche daherkommen.

Wohl jede Mutter wird im Laufe der Schwangerschaft Träume haben, welche die Zukunft des Kindes betreffen, das sie austrägt. Der alte Text des „Unser lieben Frauen Traum“ besingt die mütterliche Vision des doppeldeutigen Bildes vom Baum. Der Baum wächst und gedeiht zunächst, gibt Schatten, bringt Heil und Schutz für die ganze Welt – aber der andere ist der Baum des Kreuzes. Für Max Reger ist diese unmittelbare Verbindung zwischen dem Geschehen der Heiligen Nacht und dem des Karfreitags nicht nur in diesem Werk besonders wichtig, die dritte Strophe lässt in aller Härte die Marter erahnen, denen dieses noch nicht geborene Kind einst ausgesetzt sein wird.

„Gewidmet dem Volk, das im Finstern wandelt“

1933 schreibt Hugo Distler diese Widmung über seine „Weihnachtsgeschichte“ op. 10. Dunkle Zeiten, wahrlich dunkle Zeiten brechen da gerade an – für Deutschland insgesamt und für Distler persönlich sowie als Künstler. Sicher aber hat damals eine große Zahl an Menschen das Gegenteil empfunden: was da heraufzog, war für sie ein aufscheinendes Licht und durchaus ein Hoffnungsschimmer. Für uns im Rückblick sollte es die finsterste Epoche unserer Geschichte werden.

Die Wahrnehmung von Licht und Dunkel unterscheidet sich oft diametral, wenn es um gesellschaftliche, gar um politische Belange geht. Da ist es nicht weit vom Hoffnungsschimmer zum Blender. Vielleicht ist dies aber auch ein Geheimnis von Weihnachten, das die Menschheit nun über Jahrtausende zu faszinieren vermochte: wenn es ans Existenzielle geht, dann sieht jede und jeder das Licht doch recht ähnlich. Die Sehnsucht nach innerem und äußerem Frieden, die Sehnsucht nach bedingungsloser Liebe und die Sehnsucht nach Heimat im tieferen Sinn wohnt jedem Menschen inne und das kleine Kind in der Krippe erfüllt diese Sehnsucht mit Nähe, Wärme und eben Licht in der Nacht. Ein Geheimnis, das Dunkel durch Licht zu vertreiben vermag. Die Erzählung der Weihnachtsgeschichte wird bei Distler umrahmt von den Chören, die sowohl textlich wie auch musikalisch die beschriebenen Sehnsüchte wunderbar auszudrücken vermögen: „Das Volk, das im Finstern wandelt, siehet ein Licht“ – „Also hat Gott die Welt geliebt“. Eingestreut in die biblische Erzählung ist eines der schönsten, geheimnisvollsten deutschen Weihnachtslieder in 8 Variationen: „Es ist ein Ros entsprungen“. Was der Komponist hier an tiefsinniger Textausdeutung in höchster Satzkunst hervorbringt, darf als Meisterwerk gelten.

In einer Gegenüberstellung der Choralfassungen von Praetorius (Strophen 1 und 3) sowie Orff (Strophe 2) erklingt dann schließlich noch einmal eines der deutschen Weihnachtslieder schlechthin. Sie ist nicht kompliziert, sie ist nicht virtuos, sie ist nicht artifiziell – diese unglaubliche Melodie ist einfach, schlicht und entspinnt sich wiederum „… aus einer Wurzel zart…“.

Auch im inniglichen Lied „Schlaf wohl, du Himmelsknabe du“ spannt sich nun noch einmal der Bogen von der Krippe nach Golgatha; hier allerdings verzichtet Reger darauf, die Musik der letzten Strophe zu verändern. Da wird ein Schlaflied gesungen – einmal dem Kinde in der Krippe, einmal dem Gekreuzigten im Grab, beide Male dem Sohn Gottes.

Am unmittelbarsten scheint das Thema „Licht“ in unserem Programm im Werk „Lux aurumque“ des amerikanischen Komponisten Eric Withacre auf. Goldenes Licht scheint auf, Engel und Erzengel singen, die Dunkelheit ist für einen Moment besiegt und es bleibt der Interpretation des Hörers und seinem Empfinden überlassen, ob für einen Moment oder für die Ewigkeit.

„Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingebornen Sohn hingab. Auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen.“. Das ist der Schluss der Distler’schen Weihnachtsgeschichte und das ist das Geheimnis von Weihnachten. Wünschen wir allen Menschen im Licht und auch denen im Dunkeln Frieden auf Erden. Auf dass niemand verloren gehe!

Robert Göstl, Juni 2018

1 BRAHMS – In stiller Nacht
2 BRAHMS – Warum ist das Licht gegeben
3 REGER – Nachtlied
4 REGER – Es waren zwei Königskinder
5 SCHUMANN – Der König von Thule
6 SCHUMANN – Ungewitter
7 SCHUMANN – Schön-Rohtraut
8 BRAHMS – Da untern im Thale

Sehnsucht nach Ruhe, Abschied von Geliebtem und ein romantisch verklärtes Bild vom Tod ziehen sich wie ein roter Faden durch die geistlichen und weltlichen Chorwerke dieser CD.

Mit beseeltem Singen möchte vox animata die Hörer auf dieser kurzen Reise durch die romantische Chormusik dabei weniger beeindrucken als vielmehr berühren und bewegen.

Bedachtsames Entfalten der Dichtungen in ganz ruhigem Zeitfluss, verschattete Klänge, die aus dem Dunkel heraus sanft aufleuchten und wieder ins romantische Zwielicht zurücksinken: damit ist die Grundfarbe der ganzen CD beschrieben.

Gerhard Dietel, Mittelbayerische Zeitung, Juni 2015

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